Jun 18, 2025
Trotz des weiterhin hohen Marktpotenzials für Wasserstofftechnologien — insbesondere in industriellen Anwendungen — bleibt der erwartete Durchbruch bislang aus. Laut dem aktuellen Hydrogen Sentiment Index 2025 des Instituts für Innovation und Technik (iit), bewerten 70 Prozent der befragten Expertinnen und Experten das Potenzial von Wasserstoff in Deutschland als hoch oder sehr hoch. Die Bewertung des politischen und regulatorischen Rahmens fällt jedoch ernüchternd aus: Mit lediglich 42,1 Punkten auf einer Skala von 0 bis 100 liegt der entsprechende Subindex deutlich im negativen Bereich.
Diese Diskrepanz zwischen technologischem Optimismus und institutioneller Realität ist symptomatisch für den aktuellen Stand des Wasserstoff-Hochlaufs. Während die Industrie bereit ist, im großen Maßstab zu investieren, fehlen verlässliche Abnahmeverträge, klare Fördermechanismen und eine koordinierte Infrastrukturplanung. Der folgende Artikel beleuchtet die spezifischen Erfolgsfaktoren, die nun entscheidend sind, um den Markthochlauf aus der Stagnation zu führen — und welche Rollen Politik, Wirtschaft und Technologie dabei spielen müssen.
Realitätscheck für Grünen Wasserstoff als Zukunftslösung
Als umweltfreundliche Alternative zu fossilen Brennstoffen löste grüner Wasserstoff Anfang 2019 weltweit eine breite Begeisterung aus, die mehrere Jahre anhielt. Berater, Verbände und Unternehmen sahen in grünem Wasserstoff die Patentlösung für die Dekarbonisierung aller Sektoren. Dies wurde durch die Erwartung gestützt, dass bis 2030 ein wettbewerbsfähiger Wasserstoffpreis von rund zwei Euro pro Kilogramm erreicht werden würde. Viele Nationen setzten sich ehrgeizige Ziele für den Wasserstoffeinsatz und die Produktion und prognostizierten eine installierte Kapazität von über 260 Gigawatt bis 2030. In der Realität liegt die weltweit installierte Kapazität im Jahr 2025 jedoch noch unter zwei Gigawatt.
Seit 2023 ist eine wachsende Vorsicht zu beobachten. Wasserstoffanwendungen werden nun kritischer auf ihre Eignung in spezifischen Anwendungsfällen geprüft und entsprechend priorisiert. Ein besseres Verständnis bisher unerkannter Kostenelemente in Wasserstoffprojekten, zusammen mit Inflation und steigenden Zinsen, stellt bestehende Geschäftsmodelle infrage. Dies führte unter anderem zur Stornierung von Projekten im Umfang von rund drei Gigawatt, obwohl diese bereits initiiert worden waren.
Wir sehen zwei Hauptursachen für diese Entwicklung: das Fehlen fester Abnahmeverträge sowie unterschätzte Kosten und Projektkomplexität. Obwohl viele Projekte noch abgeschlossen werden, verzögern sie sich im Durchschnitt um etwa zwei Jahre. Die Gründe hierfür sind oft Verzögerungen bei der Projektdurchführung, der Finanzierung oder eine abwartende Haltung aufgrund ungünstiger Marktbedingungen. Entgegen den Prognosen nationaler und internationaler Wasserstoffstrategien schätzen aktuelle Projektionen die weltweit installierte Kapazität bis 2030 auf weniger als 100 Gigawatt.
Status quo des industriellen Wasserstoff-Hochlaufs
Obwohl die Realität bisher hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, wurden bereits wichtige Schritte zur industriellen Skalierung der Wasserstoffwirtschaft unternommen. So wurden 2023 Aufträge im Umfang von über sechs Gigawatt bei Elektrolyseurherstellern außerhalb Chinas platziert. Zum Vergleich: 2020 waren es weniger als 100 Megawatt. Zudem sind Projekte in Sektoren, die sich besonders für grüne Wasserstoffanwendungen eignen — wie Raffinerien, Stahl, Ammoniak und Methanol — von Pilotphasen zu Großprojekten mit Volumina von weit über 100 Megawatt fortgeschritten.
Auch bei der Projektumsetzung wurden erhebliche Fortschritte erzielt: Bis 2024 wurden weltweit rund zwei Gigawatt installiert. Andererseits ist die Industrie nun gezwungen, sich an veränderte Realitäten anzupassen. Infolgedessen mussten viele Elektrolyseur-OEMs in den letzten sechs Monaten schwierige Entscheidungen treffen. Die Auswirkungen sind weitreichend — von großen, etablierten Akteuren der Öl- und Gasindustrie, die ihre Ziele für grünen Wasserstoff zurückschrauben mussten, bis hin zu insolventen Projektentwicklern.
Hemmnisse und Hebel für den Markthochlauf
Die Komplexität beim Aufbau einer funktionierenden Wasserstoffwirtschaft ist immens, da die gesamte Wertschöpfungskette parallel koordiniert und entwickelt werden muss. Dazu gehören Produktion, Infrastruktur und die Nachfrageseite. Ein Schlüsselfaktor sind stets die Kosten von grünem Wasserstoff im Vergleich zu bestehenden Alternativen. Die Erzielung eines wettbewerbsfähigen H₂-Preises erfordert jedoch einen schnellen Hochlauf — nur so können die notwendigen praktischen Erfahrungen gesammelt werden. Aus unserer Sicht ist ein unterstützender regulatorischer Rahmen in den Bereichen Produktion, Infrastruktur und Abnahme unerlässlich.
In naher Zukunft wird die Industrie weiterhin auf eine Vielzahl von Finanzierungsmechanismen angewiesen sein. Auf der Produktionsseite gibt es bereits zahlreiche Programme, wie die European Hydrogen Bank für Projekte in Europa, H2Global für Projekte außerhalb Europas, die Wasserstoff und Derivate an europäische Endkunden liefern, sowie diverse nationale Programme.
Eine entscheidende Voraussetzung für den breiten Einsatz von grünem Wasserstoff wird eine funktionierende Wasserstoffinfrastruktur sein, die kostengünstige Produktions- und Importstandorte mit bestehenden Verbrauchern verbindet. Ohne ein Wasserstoff-Kernnetz wird der Markthochlauf nicht realisierbar sein. Daher ist es unerlässlich, dass die Länder ihre Pläne für nationale und internationale Pipelines umsetzen. Fast ein Drittel der geplanten Kernnetz-Pipelines in Deutschland hat derzeit keinen Entwickler. Auch bei Pipelines in den Niederlanden und der Verbindung zwischen Dänemark und Deutschland kam es zu Verzögerungen. Solche Entwicklungen reduzieren die Planungssicherheit sowohl für Produzenten als auch für Verbraucher.
Wie kann die Abnahme gesteigert werden?
Zuallererst muss die Kostenlücke zwischen Produktionskosten und einem potenziellen Abnahmepreis reduziert werden. Zudem ist eine planbare Nachfrage erforderlich, beispielsweise durch die Einführung von EU-Quoten (in Sektoren wie Schifffahrt und Luftfahrt). Diese ermöglichen einen wirtschaftlicheren Infrastrukturausbau durch bessere Planbarkeit. Eine zielgerichtete Umsetzung der RED III (Renewable Energy Directive III) auf nationaler Ebene kann ebenfalls das Volumenrisiko reduzieren. Diese EU-Richtlinie zielt darauf ab, bis 2030 mindestens 42,5 % des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu decken und enthält verbindliche Unterziele für RFNBOs (Renewable Fuels of Non-Biological Origin) im Verkehrs- und Industriesektor.
Förderung eines schnellen Wasserstoff-Hochlaufs
Ein zentraler Hebel zur Beschleunigung des Wasserstoff-Hochlaufs ist die Entwicklung standardisierter und modularer Anlagenkonzepte mit einem hohen Grad an industrieller Vorfertigung. Quest One arbeitet in Zusammenarbeit mit Everllence und deren umfassender EPC-Expertise (Engineering, Procurement, and Construction) an Referenzdesigns für komplette Industrielösungen. Dieser Ansatz zielt darauf ab, Komplexität, Projektrisiken und Kosten so weit wie möglich zu reduzieren.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist es, Elektrolyseur-Lösungen für potenzielle Kunden greifbarer zu machen und so deren Übergang zu erleichtern. Mit dem Bau einer Demonstrationsanlage, basierend auf dem großskaligen MHP-Elektrolyseur, in Kooperation mit Everllence in Augsburg, hat Quest One einen wichtigen Meilenstein erreicht. Die Anlage ermöglicht potenziellen Kunden, Planern und Projektentwicklern Einblicke in Schlüsselparameter wie Bauphasen, Dimensionen, interne Komponenten und Infrastruktur. Zusätzlich dient sie für intensive Tests, die Sammlung realer Betriebsdaten und die Schulung von Personal. Die Demonstrationsanlage ist zudem ein wichtiges Instrument zur weiteren Optimierung von Leistung und Betriebsparametern für industrielle Lösungen.

